„Ein Mann kommt uns nicht mehr ins Haus“: Der traurige Grund, warum die Kessler-Zwillinge nie geheiratet haben

Weshalb aber war der Gedanke an eine Ehe für beide so unattraktiv? Warum blieb die Vorstellung, einen Mann in das gemeinsame Zuhause zu lassen, für sie so unbequem?

Die Antwort liegt in ihrer Kindheit. Die Zwillinge wuchsen mit einem Vater auf, der jähzornig war – laut eigenen Aussagen fast tyrannisch. Ihre Mutter litt unter seinem Verhalten, beugte sich ihm, versuchte jeden Konflikt zu vermeiden.

„Sie war seine Sklavin“, erzählte Alice später. „Wenn die Pantoffeln nicht da standen, wo er reinschlüpfen wollte, gab es Krach. Als Kind prägt einen das.“

Solch eine Dynamik wollten sie nie in ihrem eigenen Leben zulassen. Weder Abhängigkeit noch Machtgefälle sollten jemals ihren Alltag bestimmen.

Darum entschieden sie sich gegen die Ehe, gegen das traditionelle Familienmodell, gegen Kinder – und für die Freiheit, ihren eigenen Kurs zu bestimmen.

Ellen brachte es einmal auf den Punkt, als sie über ihr gemeinsames Zuhause sagte: „Ein Mann kommt uns nicht mehr ins Haus.“

Ein Satz, halb scherzhaft, halb schützend – aber im Kern eine Konsequenz aus Jahren voller Beobachtungen und Ängste.

Ironischerweise mangelte es den Zwillingen nie an Verehrern. Frank Sinatra schwärmte von ihnen, Elvis Presley soll Ellen „schüchtern und gehemmt“ vorgekommen sein. Internationale Stars standen Schlange, um sie kennenzulernen.

Doch keine dieser Begegnungen führten zu mehr. Die Kesslers blieben höflich distanziert, souverän und stets auf Augenhöhe.

Ihre Freiheit war ihnen heilig.

Ihre Verbundenheit zeigte sich schließlich auch in ihrem letzten Entschluss. Die Zwillinge hatten schon früh darüber gesprochen, dass sie niemals ohne die andere sein wollten. Für sie stand fest: Wenn eine sterben müsse, wolle die andere nicht weiterleben.

Diesen Plan setzten sie um – eine Entscheidung, die in Deutschland legal ist, wenn sie in Begleitung einer entsprechenden Organisation erfolgt und bestimmte Voraussetzungen erfüllt.

In Italien löste ihr Tod eine Diskussion über assistierten Suizid aus, in Deutschland wurde vor allem ihre Lebensleistung geehrt. Viele sprachen davon, dass sie Deutschland nach dem Krieg ein neues, freundliches Gesicht gegeben hätten gegenüber dem Rest der Welt.

Die Geschichte von Alice und Ellen Kessler ist keine Liebesromanze und kein klassisches Show-Business-Märchen. Es ist die Geschichte zweier Frauen, die sich bewusst gegen ein Lebensmodell entschieden, das auch heute noch mit einer gewissen Erwartungshaltung an Frauen verbunden ist. Die lieber aufeinander bauten als auf Beziehungen, die sie verletzen könnten.

Zwei Frauen, die alles miteinander teilten – ihren Erfolg, ihre Wohnungen, ihre Träume – nur nicht die Männer.

Next »
Next »