Sie lernte, in einer Welt ohne ihre Tochter zurechtzukommen. Schließlich kehrte sie in ihren Beruf zurück, obwohl ihr alles leer und bedeutungslos erschien. Sie lebte wie im Autopilotmodus, ohne sich wirklich lebendig zu fühlen.
Sie besuchte den Friedhof regelmäßig, brachte Blumen mit und saß stundenlang am Grabstein. Dort unterhielt sie sich mit Grace, erzählte ihr von kleinen Dingen aus ihrem Alltag und hielt so die Verbindung zu jemandem aufrecht, der eigentlich schon tot sein sollte.
Ihre Beziehung zu Neil veränderte sich in diesen Jahren. Sie sprachen nur noch selten direkt über Grace. Der Schmerz war zu intensiv, zu unmittelbar, selbst mit dem Zeitablauf.
Er schien nach vorne blicken zu wollen, allmählich zu einem normalen Leben zurückzukehren. Sie verstand nicht, wie er das schaffte, wie er so scheinbar normal funktionieren konnte, während sie sich selbst noch immer zutiefst erschüttert fühlte.
Doch Trauer wirkt sich auf jeden anders aus, sagte sie sich. Sie versuchte, ihre eigene Art der Trauerbewältigung nicht zu bewerten.
Der Anruf, der alles veränderte.
Dann kam jener stille Donnerstagmorgen.
Das Festnetztelefon klingelte, was ungewöhnlich war. Man benutzte sie kaum noch. Die Kommunikation lief hauptsächlich über Handy und E-Mail. Das altmodische Klingeln erschreckte sie, als sie gerade das Frühstück zubereitete.
Er nahm vorsichtig Stellung, in der Hoffnung, es handle sich um einen Telefonverkäufer oder einen Fehlruf.
Stattdessen stellte sich ein Mann als Frank vor, der Direktor von Graces alter High School. Er erklärte, dass eine junge Frau in seinem Büro sei und darum bitte, ihre Mutter anrufen zu dürfen.
Die junge Frau hatte ihnen diese Telefonnummer gegeben und sich vorgestellt.