Sie bewegte sich klar und sparsam, öffnete die Schubladen der Kommode und legte Stapel von Wäsche in die Tasche.
Keine Hast.
Keine zitternden Hände.
Als würde sie sich auf eine weitere Dienstreise vorbereiten, nur dass das diesmal ein Ticket ohne Rückfahrt war.
— Und wohin geht’s so spät am Abend? — höhnte er und machte einen Schritt ins Zimmer, um die Distanz zu verkürzen.
Er musste sich über sie beugen, sie mit seiner Masse erdrücken, sie zwingen, sich klein zu fühlen.
— Zu Mama unter den Rock?
Auf ein Feldbett im Dorf?
Oder gehst du wieder an den Bahnhöfen übernachten und in Erinnerungen an deine Jugend schwelgen?
Kristina erstarrte einen Augenblick mit einer Seidenbluse in der Hand.
Langsam drehte sie den Kopf und sah ihren Mann an.
In ihren Augen lag keine Angst, nach der er sich so sehr sehnte.
Dort war nur angeekeltes Erstaunen, als hätte sie an ihrer Schuhsohle etwas Widerwärtiges entdeckt.
— Bist du wirklich so blind, Stas? — fragte sie leise.
— Glaubst du tatsächlich, ich hätte all die Jahre hier gelebt, weil ich nirgendwo sonst hingehen konnte?
— Und wohin solltest du denn gehen?! — brüllte er und verlor die Beherrschung.
Ihre Ruhe machte ihn rasend.
— Das hier ist meine Wohnung!
Meine Wände!
Ich habe dich hergebracht, als du niemand warst!
Ich habe dir eine Meldeadresse, einen Status, ein Dach über dem Kopf gegeben!
Ohne mich bist du null!
Straßendreck!
Im Türrahmen erschien der erschrockene Kopf von Walentina Petrowna.
— Stassik, Kristinotschka, was macht ihr denn… bitte nicht so, — jammerte sie und knetete ein Küchentuch in den Händen.
— Ihr habt euch gestritten, das reicht doch, kommt Tee trinken…
Stanislaw drehte sich scharf zur Schwiegermutter um und suchte bei ihr Unterstützung.
Er brauchte ein Publikum.
Er brauchte einen Zeugen für seinen Triumph und seine Großmut.
— Da, Mama, schauen Sie sie sich an! — Er zeigte mit dem Finger auf seine Frau.
— Ich tue alles für sie!
Ich arbeite wie ein Ochse, habe renoviert, Geräte gekauft.
Und sie?
Sagt man nur ein Wort gegen sie, wedelt sie gleich mit dem Schwanz.
Undankbar!
Ich hab’s Ihnen doch gesagt, Walentina Petrowna, man darf einen Straßenköter nicht aufs Sofa lassen, dann hält er sich sofort für den Herrn im Haus.
Kristina legte die Bluse sorgfältig in die Tasche und zog den Reißverschluss zu.
Das Klicken des Schlosses klang im kleinen Zimmer wie ein Schuss.
Sie richtete sich in voller Größe auf, nahm die Tasche am Griff und trat dicht an ihren Mann heran.
Sie roch nach teurem Parfüm — ein kalter, scharfer Geruch von Erfolg, der in diesem stickigen Zimmer mit dem Geruch alter Staubschichten völlig fremd wirkte.
— Geh aus dem Weg, — sagte sie.
Sie bat nicht.
Sie befahl.
— Oder was? — Stanislaw grinste, doch in seinen Augen blitzte Unsicherheit auf.
— Wirst du mich schlagen?
— Ich werde dich demütigen, — warf Kristina kurz hin.
— Noch mehr, als du dich selbst jedes Mal demütigst, wenn du den Mund aufmachst.
Sie ging an ihm vorbei, streifte ihn mit der Schulter und trat in den Flur.
Stanislaw, vor Empörung fast erstickt, stürzte ihr nach.
Walentina Petrowna drückte sich an die Wand und versuchte, unsichtbar zu werden.
Im Vorzimmer begann Kristina, sich anzuziehen.
Sie zog ihre italienischen Stiefel an und blickte dabei auf die ausgelatschten Hausschuhe ihres Mannes, die auf der Matte herumlagen.
— Du gehst hier nicht raus! — Stanislaw stellte sich mit seinem Körper vor die Wohnungstür.
— Ich habe dich nicht weggelassen!
Du bist meine Frau, und du wirst auf das hören, was ich sage!
Glaubst du, du bist so toll?
Wer braucht dich denn mit deinen Ambitionen?
In einer Woche kriechst du zurück und wirst mir zu Füßen fallen, damit ich dich wieder reinlasse!
Kristina richtete sich auf.
Sie strich ihren Mantel glatt, nahm vom Regal die Autoschlüssel — von genau dem Wagen, den Stanislaw für ein Dienstauto hielt, weil sein Verstand sich weigerte zu glauben, dass seine Frau sich selbst einen Wagen der Premiumklasse gekauft hatte.
— Fünf Jahre lang habe ich geschwiegen, Stas, — ihre Stimme klang wie Stahl und hallte von den niedrigen Decken der Chruschtschowka zurück.
— Ich habe geschwiegen, weil ich Mitleid mit dir hatte.
Ich dachte, ein Mann müsse seinen Stolz haben.
Ich habe Lebensmittel, Kleidung, Urlaub, die Reparatur deines Autos und deine endlosen „Wünsche“ bezahlt, aber ich habe es still getan, damit du dich als Familienoberhaupt fühlen konntest.
Ich habe dir Geld in den Geldbeutel gelegt, damit du glaubst, du hättest es gespart.
Ich habe dein Spiel von „Retter und arme Verwandte“ mitgespielt.
Aber das Spiel ist vorbei.
— Was redest du da… — murmelte Stanislaw und spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
— Was für Geld?
Das ist doch alles gemeinsames Budget…
Ich bin der Herr im Haus…
— Du bist nur Herr deiner Komplexe, — unterbrach sie ihn hart.
Sie drehte sich zu ihrer Mutter um, die mit weit aufgerissenen Augen auf ihre Tochter starrte, und sprach endlich aus, was sich jahrelang in ihr angestaut hatte, was dieses faule Schauspiel endgültig zerstören musste.
— Du hast meiner Mutter gesagt, du hättest mich von der Straße aufgelesen und geschniegelt?
Ich habe eine Ausbildung und eine Karriere, die zehnmal besser sind als deine!
Deine Wohnung ist das Einzige, womit du prahlen kannst, weil du als Mensch null bist!
Ich miete ein Penthouse, und du bleibst hier in deiner „Chruschtschowka“ und deiner Galle!
— Was?
— Ich habe nur auf den Moment gewartet, meine Sachen zu holen, und gehofft, dass wir wie Menschen miteinander reden können.
Aber mit dir kann man nicht menschlich reden.
Stanislaw öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut heraus.
Das Wort „Penthouse“ traf ihn wie ein Ziegelstein.
— Ich miete ein Penthouse, und du bleibst hier in deiner Chruschtschowka und deiner Galle! — erklärte die Ehefrau ihrem Mann, und in diesem Moment schien sie ihn um einen Kopf zu überragen.
— Leb hier mit deiner „Wologodskoje“-Butter und zähle die Kopeken bis zum Gehalt.
Ich bin es leid, eine Dekoration für dein aufgeblähtes Ego zu sein.
Sie machte einen Schritt zur Tür.
Stanislaw, noch immer wie betäubt, zuckte instinktiv zusammen, um nach ihrer Hand zu greifen, sie festzuhalten, sie zum Schweigen zu bringen, alles wieder in den alten Zustand zurückzuzwingen.
— Wag es nicht, mich anzufassen, — zischte sie, und in ihrem Blick lag so viel eisige Verachtung, dass er die Hand zurückzog, als hätte er sich verbrannt.
— Den Schlüssel zu dieser Bude lasse ich im Briefkasten.
Kristina riss die Tür auf.
Frische Luft vom Treppenhaus drang in die abgestandene Atmosphäre der Wohnung.
Sie drehte sich nicht um.
Sie ging einfach hinaus, und das Klacken ihrer Absätze auf den Betonstufen klang wie ein Countdown bis zum vollständigen Zusammenbruch von Stanislaws Welt.
Walentina Petrowna stöhnte leise auf und sank an der Wand auf die kleine Bank.
Und Stanislaw blieb in der offenen Tür stehen und starrte in die Dunkelheit des Treppenhauses, in der sich seine Illusion von Macht auflöste, und spürte, wie die klebrige Angst vor Einsamkeit ihm mit kalten Fingern die Kehle zuschnürte.
Aber das war noch nicht das Ende.
Sein verletzter Stolz begann bereits, Gift für den letzten Schlag zu produzieren.
Stanislaw schoss in Socken auf den Treppenabsatz hinaus.
Der kalte Beton verbrannte seine Füße, doch das Feuer, das in ihm loderte, verlangte nach einem Ausweg.
Er beugte sich über das Geländer und blickte in den schwarzen Schacht hinunter, in dem das Echo der sicheren Schritte seiner Frau bereits verklang.
Er musste das letzte Wort behalten.
Ohne diesen letzten Akkord drohte sein Universum, das auf seiner eigenen Größe aufgebaut war, in sich zusammenzustürzen wie ein schwarzes Loch.
— Schlampe! — brüllte er, und seine Stimme überschlug sich zu einem Kreischen, das von den abgeblätterten Wänden des Treppenhauses zurückgeworfen wurde.
— Verzieh dich zu deinem Sugardaddy!
Glaubst du, ich nehme dir die Karrieregeschichte ab?
Du hast dir dein Penthouse hochgeschlafen!
Ich habe dich aus dem Müll gezogen, ich habe aus dir einen Menschen gemacht!
Du wirst angekrochen kommen!
Hörst du, Miststück?
Du wirst noch zu mir zurückgekrochen kommen und um ein Stück Brot betteln!
Unten fiel die schwere eiserne Haustür ins Schloss.
Das Geräusch kappte sein Geschrei wie ein Fallbeil.
Die darauf folgende Stille war ohrenbetäubend.
Kein Nachbar kam heraus — in diesem Haus waren Skandale ein so gewohnter Hintergrund wie das Geräusch des Müllschachts.
Stanislaw atmete schwer und umklammerte das Geländer so fest, dass seine Finger weiß wurden.
Sie war weg.
Sie war nicht einfach nur weg, sie hatte sein Fundament zerstört und seine „Großzügigkeit“ mit ihren italienischen Stiefeln zertreten.
Er kehrte in die Wohnung zurück und schlug die Tür mit voller Wucht zu, dann drehte er den Schlüssel zweimal herum.
Im Flur saß noch immer Walentina Petrowna auf derselben kleinen Bank.
Sie hatte sich zu einem Bündel zusammengerollt und erinnerte an einen alten, verängstigten Vogel.
Ihre Anwesenheit löste in Stanislaw plötzlich eine neue, noch heftigere Welle von Wut aus.
Sie war Zeugin gewesen.
Sie hatte gesehen, wie man ihn gedemütigt hatte.
Sie kannte die Wahrheit.
Also war auch sie ein Feind.
— Was hocken Sie da noch herum? — brüllte er, als er an ihr vorbei in die Küche ging.
Walentina Petrowna zuckte zusammen und eilte ihm in ihren gestrickten Socken hinterher.
— Stassik, mein Junge… Vielleicht holen wir sie zurück?
Vielleicht rufen wir sie an?
Sie ist doch nur aufgewühlt, sie meint das doch nicht böse… — stammelte sie und versuchte, ihm in die Augen zu sehen.
— Die Frau wird sich schon wieder beruhigen, wem passiert das nicht.
Du bist doch klug, du bist doch der Ältere…
Stanislaw drehte sich scharf zu ihr um.
In seiner Hand hielt er den angefangenen Weinkarton.
— Klug? — wiederholte er und verengte die Augen.
— Ja, ich bin klug.
Aber wen haben Sie da großgezogen?
Wen haben Sie mir vor fünf Jahren untergeschoben?
Ich dachte, ich nehme ein bescheidenes Mädchen, ein armes Würstchen, und Sie haben mir eine Schlange an die Brust gesetzt!
— Aber wie kannst du nur, Stassik…
Kristina ist doch gut, sie ist nur müde, diese verfluchte Arbeit… — Walentina Petrowna wollte seinen Ärmel berühren, doch er wich zurück.
— Fass mich nicht an! — zischte er.
— Sie sind schuld.
Sie haben ihr diesen ganzen Unsinn von Erfolg und Geld in den Kopf gesetzt!
Das ist Ihre Weibererziehung.
„Penthouse“ hat sie.
Haben Sie gesehen, wie sie mich angeschaut hat?
Als wäre ich Dreck!
In meinem eigenen Haus!
In dem Haus, in dem ich sie ernährt habe!
Er schleuderte den Weinkarton auf den Tisch.
Rote Spritzer verteilten sich auf der Wachstuchtischdecke und trafen die Reste der „Wologodskoje“-Butter und das angefangene Hähnchen.
— Sie wussten es? — schoss es ihm plötzlich durch den Kopf.
— Sie wussten, dass sie hinter meinem Rücken eine Wohnung mietet?
Sie haben sich abgesprochen, oder?
Sie wollten den Trottel reinlegen?
Auf meine Kosten leben und mich dann fallen lassen?
— Herrgott mit dir, Stas, ich wusste von nichts! — sie schlug die Hände zusammen, und Tränen traten ihr in die Augen.
— Ich war euch doch mit ganzer Seele zugetan…
— Mit ganzer Seele… — äffte er sie mit giftigem Grinsen nach.
— Aber mein Fleisch fressen, das konnten Sie auch mit ganzer Seele.
Schauen Sie nur, ein halbes Huhn haben Sie verdrückt, ohne sich zu verschlucken.
Und Ihre Tochter wirft mir das Geld ins Gesicht.
Also gut.
Er trat dicht an sie heran und überragte sie mit seinem schweren Körper.
— Packen Sie Ihre Sachen.
Walentina Petrowna erstarrte und glaubte ihren Ohren nicht.
— Was?
— Packen Sie Ihre Sachen, habe ich gesagt! — brüllte Stanislaw so laut, dass die Gläser in der Vitrine klirrten.
— Raus hier!
Ich will weder Sie noch Ihren Geruch in meiner Wohnung haben!
Ich säubere mein Territorium von Verrätern.
Verschwinden Sie beide zum Teufel, ins Penthouse, unter die Brücke — ist mir egal!
— Stassik, wo soll ich denn hin?
Es ist Nacht, elf Uhr…
Die Busse ins Dorf fahren nicht mehr… — sie weinte nun offen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren runzligen Händen.
— Lass mich wenigstens bis morgen früh bleiben, ich lege mich auf die Matte…
— Kein Morgen! — Stanislaw war unerbittlich.
Dieses Gefühl gefiel ihm.
Die Macht kehrte zurück.
Kristina mochte zwar in einem teuren Auto weggefahren sein, aber hier, jetzt, war er wieder derjenige, der über Schicksale entschied.
Er konnte richten, er konnte begnadigen.
Und er entschied sich für die Strafe.
— Sie rufen sich ein Taxi.
Ihre reiche Tochter bezahlt es.
Und wenn sie es nicht bezahlt — dann gehen Sie eben zu Fuß.
Ist gut für die Gesundheit.
Er packte ihre Tasche, die in der Ecke des Flurs stand, und schleuderte sie auf den Treppenabsatz hinaus.
Die Tasche prallte gegen die Wand und sprang auf, wobei die einfachen Mitbringsel auf den schmutzigen Boden fielen — ein Glas Eingelegtes und gestrickte Socken.
— Stas, bitte nicht! — schrie Walentina Petrowna und klammerte sich an den Türrahmen.
Er packte sie an den Schultern, hart, bis blaue Flecken entstanden, drehte sie herum und stieß sie mit Gewalt zum Ausgang.
Sie stolperte über die Schwelle und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten.
— Raus! — stieß er ihr mit Fahne und Hass ins Gesicht.
— Und richten Sie Ihrer Königin aus: Zurück gibt es keinen Weg.
Solche wie sie lasse ich nicht mehr über die Schwelle.
Soll sie in ihrem Geld verrotten.
Und ich — ich bin ein ehrlicher Mensch, ich brauche nichts Fremdes, aber mein Eigenes gebe ich nicht her.
Er schlug ihr die Tür direkt vor der Nase zu.
Das Schloss klickte.
Dann noch ein zweites Mal.
Dann legte er die Kette vor.
Stanislaw lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und hörte, wie hinter ihr eine alte Frau weinte, wie sie raschelnd ihre verstreuten Sachen zusammensammelte, wie sie mit schlurfenden Schritten nach unten ging.
Diese Geräusche waren Musik für sein verletztes Ego.
Er hatte gesiegt.
Er hatte die Seuche aus seinem Organismus vertrieben.
Er ging in die Küche, wo noch immer das helle, gnadenlose Licht brannte.
Er setzte sich an den Tisch, auf den Platz, an dem eben noch der „Herr des Lebens“ gesessen hatte.
Er schnitt sich ein riesiges Stück Torte ab, direkt mit dem Messer, ohne Teller.
Er goss sich ein volles Glas billigen Weins ein.
In der Stille der Wohnung, die vom Geruch alter Möbel und seiner eigenen Bosheit durchzogen war, begann er zu kauen.
— Penthouse… — murmelte er mit vollem Mund und blickte auf die abblätternde Tapete.
— Alles gelogen.
Sie hat sich für einen Tag irgendeine Bruchbude gemietet, nur um anzugeben.
Und ich… ich bin hier der König.
Das ist mein Haus.
Er hob das Glas und stieß mit der Leere an.
— Auf mich.
Auf einen echten Mann.
Und sie… sie werden alle vor Neid verrecken.
Stanislaw leerte das Glas in einem Zug, wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und drehte den Fernseher auf volle Lautstärke, um die Stille zu übertönen, in der verräterisch der Gedanke klingelte, dass er morgen nicht einmal genug Geld für eine Packung Zigaretten haben würde.
Aber das würde erst morgen sein.
Und heute feierte er seinen Pyrrhussieg auf den Ruinen seines eigenen Lebens.