Am Sonntagabend beschloss Alice, ein besonderes Abendessen zuzubereiten — gebratenes Fleisch mit Kräutern, Georgis Lieblingsgericht.
Während der Ofen seine Arbeit tat, bereitete sie hausgemachte Limonade zu.
— Ich bringe ihnen die Getränke hinaus, — sagte Alice zu sich selbst, während sie die hohen Gläser mit dem duftenden Getränk füllte.
— Vielleicht entspannt sich die Stimmung so wenigstens etwas.
Sie trat auf die Veranda hinaus und hielt ein Tablett mit Gläsern in den Händen.
Die Abendsonne vergoldete das Holzgeländer.
Georgi und Nina Alexandrowna saßen mit dem Rücken zur Tür und bemerkten die herannahende Hausherrin nicht.
Alice verlangsamte den Schritt, als sie ihren Namen hörte.
— Hast du dich schon entschieden? — die Stimme der Schwiegermutter klang drängend.
— Sieh zu, man darf nicht länger warten.
Georgi schwieg und zupfte am Rand der Tischdecke.
— Mir gefällt dieses Haus so sehr, — drängte Nina Alexandrowna weiter.
— Sohn, überschreib es auf mich!
— Schieb ihr eine Vollmacht unter.
— Wir machen alles still und leise.
— Ich brauche dieses Haus mehr als sie.
Alice erstarrte.
Die Luft blieb ihr in der Brust stecken und wollte nicht mehr heraus.
Ihre Finger öffneten sich wie von selbst, und das Tablett krachte auf den Holzboden der Veranda.
Das Glas flog in alle Richtungen, und Limonadenspritzer bedeckten die lackierten Bretter.
Georgi und Nina Alexandrowna drehten sich gleichzeitig um.
Auf dem Gesicht der Schwiegermutter spiegelte sich Angst, die schnell von gespielter Anteilnahme verdrängt wurde.
— Mein Kind! — rief sie und sprang auf.
— Hast du dich geschnitten?
— Lass mich dir helfen!
— Kommen Sie mir nicht zu nahe, — Alice streckte die Hand vor sich aus.
— Ich habe alles gehört.
Alices Augen blitzten.
Sie wandte den Blick zu ihrem Mann, der mit gesenktem Kopf sitzen geblieben war.
Seine Schultern hingen, und seine Finger kneteten unruhig die Tischdecke.
— Georgi, — Alices Stimme vibrierte vor Anspannung.
— Hast du mir etwas zu sagen?
— Aliceschka, du hast das falsch verstanden! — begann Nina Alexandrowna hastig zu reden.
— Wir haben nur theoretisch darüber gesprochen…
— Ich rede nicht mit Ihnen, — unterbrach Alice sie scharf, ohne den Blick von ihrem Mann abzuwenden.
— Georgi?
Stille hing zwischen ihnen wie ein dichter Vorhang.
Nur das Rauschen des Windes in den Blättern und das ferne Krächzen der Krähen unterbrachen die Ruhe.
— Sohn, — begann Nina Alexandrowna erneut, trat zu Georgi und legte ihm die Hand auf die Schulter.
— Du wirst deine Mutter doch nicht im Stich lassen?
— Du verstehst doch, wie sehr ich deine Unterstützung brauche?
Georgi hob langsam den Kopf.
Sein Blick traf Alices Augen — in ihnen lagen Schmerz und Scham.
— Mama, — seine Stimme klang leise, aber fest.
— Ich liebe dich.
— Du bist meine Mutter, und ich werde mich immer um dich kümmern.
Nina Alexandrowna lächelte triumphierend und warf Alice einen siegessicheren Blick zu.
Georgi stand vom Stuhl auf und fuhr fort:
— Aber Alice liebe ich mehr.
— Und ich werde nichts tun, was ihr schadet.
Das Lächeln verschwand aus Nina Alexandrownas Gesicht.
Sie flüsterte:
— Was sagst du da, mein Sohn?
— Ich sage, dass du deine Sachen packen und gehen solltest, — sagte Georgi fest.
— Und nicht mehr hierher kommen sollst.
— Zumindest nicht, bis du dich bei Alice entschuldigst und begreifst, dass es nichts Wichtigeres gibt als die Familie, die ich gegründet habe.
— Familie?! — Nina Alexandrownas Augen weiteten sich vor Zorn.
— Und wer bin ich dann?
— Bin ich etwa keine Familie?
— Ich, die dich geboren und großgezogen hat!
— Mama, — Georgi schüttelte den Kopf.
— Du hast versucht, mich dazu zu bringen, meine eigene Frau zu betrügen.
— Ihr das Haus wegzunehmen.
— Und das ist nicht das erste Mal, dass du versuchst, mich zu manipulieren.
— Sie hat dich verändert! — schrie Nina Alexandrowna und zeigte mit zitterndem Finger auf Alice.
— Das alles ist nur ihretwegen!
— Sie hat der Mutter den Sohn entfremdet!
— Sei verflucht!
— Genug, — Georgi erhob die Stimme, und die Schwiegermutter verstummte.
— Ich werde mir das nicht länger anhören.
— Entweder entschuldigst du dich, oder du gehst sofort.
Nina Alexandrowna ließ den Blick über die Veranda schweifen, als sähe sie sie zum ersten Mal.
Ihre Lippen zitterten, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
— Sie wählst du also? — flüsterte sie.
— Mich jagst du auf die Straße?
— Du hast ein Zuhause, Mama, — sagte Georgi müde.
— Und ich werde dir weiterhin finanziell helfen, wie bisher.
— Aber hier ist deine Anwesenheit unerwünscht.
Die Schwiegermutter schluchzte, hielt sich die Hand vor den Mund und stürmte ins Haus.
Ein paar Minuten später hörten sie, wie die Tür des Gästezimmers zugeschlagen wurde.
Alice und Georgi blieben allein auf der Veranda zurück.
Die Scherben der Gläser glitzerten in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
— Verzeih mir, — flüsterte Georgi und machte einen Schritt auf seine Frau zu.
— Ich hätte nicht schweigen dürfen.
— Ich hätte ihr nicht einmal zuhören dürfen.
— Warum hast du es mir nicht gesagt? — fragte Alice leise.
— Du warst nicht mehr du selbst.
— Sie hat mich gebeten, mit dir über den Verkauf des Hauses zu sprechen, — gestand Georgi.
— Sie sagte, sie sei einsam, dass das Haus für uns beide zu groß sei.
— Ich wusste nicht, wie ich dieses Gespräch anfangen sollte.
— Und dann kam sie und begann Druck zu machen, dass man handeln müsse, wenn du nicht zustimmst… anders eben.
Alice lehnte sich an das Geländer und blickte in den Garten, der in der Dämmerung versank.
— Hast du wirklich mich gewählt und nicht sie? — fragte sie und drehte sich zu ihrem Mann um.
— Ich liebe sie, — antwortete Georgi einfach.
— Aber das, was sie vorgeschlagen hat, ist keine Liebe.
— Das ist Besessenheit und Egoismus.
— Daran werde ich mich nicht beteiligen.
Alice machte einen Schritt auf ihren Mann zu und ließ zu, dass er sie umarmte.
Am nächsten Morgen fuhr Nina Alexandrowna ab, ohne sich zu verabschieden.
Doch die Ruhe kehrte nicht ins Haus zurück — es begannen endlose Anrufe.
Georgis Telefon klingelte von morgens bis abends.
— Mama, ich werde meine Entscheidung nicht ändern, — sagte er wieder einmal fest, als er auf derselben Veranda stand.
— Nein, ich lasse dich nicht im Stich.
— Aber Alice lasse ich auch nicht im Stich.
Allmählich wurden die Anrufe seltener.
Georgi blieb unnachgiebig.
Und eines Abends, als er und Alice auf der Veranda Tee tranken, lächelte er — zum ersten Mal seit langer Zeit aufrichtig und offen.
— Weißt du, — sagte er und sah seine Frau an.
— Ich glaube, wir haben es geschafft.
Alice nickte und drückte seine Hand in ihrer.
Das Haus wurde wieder zu ihrer Festung.