Du bist schamlos, Darja!
Die eigene Schwester sitzt mit einem Kind in einem Zimmer auf meinem Nacken, und du willst dich in zwei Zimmern ausruhen?
— Für diese Wohnung habe ich drei Jahre wie ein Pferd geschuftet, — antwortete Darja ruhig und goss Tee ein.
— Während Margarita ihr Privatleben eingerichtet hat.
— Wag es nicht, so über deine Schwester zu reden! — Sinaida Pawlowna holte zum Schlag aus, doch Darja regte sich nicht einmal.
— Sie braucht sie nötiger!
Sie hat ein Kind!
Morgen gibst du ihr die Schlüssel.
Du wirst bei mir wohnen, und Margarita zieht in die neue Wohnung.
Da ist auch eine gute Schule in der Nähe und ein Spielplatz im Hof.
Und du fährst sowieso wieder zur Arbeit, warum soll das Gute verkommen?
— Nein, Mama.
Das ist meine Wohnung.
Kein Fuß meiner Schwester wird sie betreten.
— Ach so?!
Dann leb doch mit deinen Möbeln und erstick an deiner Gier! — Sinaida Pawlowna stürmte hinaus und schlug die Tür so heftig zu, dass im Geschirrschrank das Geschirr klirrte.
Eine Woche später flog Darja wieder weg.
Der Vertrag wurde verlängert, die Position erhöht.
Sie ließ Olga die Schlüssel da und bat sie nur, die Post herauszuholen.
Doch im letzten Moment, einem inneren Vorgefühl folgend, ließ Darja eine Alarmanlage in der Wohnung installieren.
Auf der Polizeiwache saß Sinaida Pawlowna auf einer schmalen Bank und umklammerte ihre leere Tasche.
Margarita neben ihr schluchzte leise.
— Wozu haben Sie denn das Schloss aufgebrochen? — fragte der diensthabende Beamte müde, während er ihre Pässe durchblätterte.
— Wir haben nichts aufgebrochen!
Wir haben die Schlüssel zu Hause vergessen! — Sinaida Pawlowna versuchte, ihre alte Sicherheit zurückzugewinnen, doch ihre Stimme zitterte.
— Das ist die Wohnung meiner Tochter!
Ich habe das Recht, hineinzugehen!
— Die Eigentümerin hat erklärt, dass sie niemanden in die Wohnung eingeladen hat.
Die Alarmanlage ist zu Recht ausgelöst worden, — schnitt der Polizist ihr das Wort ab.
— Jetzt wird eine bevollmächtigte Person mit den Unterlagen kommen.
Als Olga in der Tür erschien, sprang Sinaida Pawlowna auf.
— Oletschka, sag es ihnen!
Sag ihnen, dass wir die Eigenen sind!
Daschka hat einfach vergessen, Bescheid zu sagen, sie ist bei uns eben so… unaufmerksam.
Olga sah ihre Tante mit solcher Verachtung an, als hätte sie Schmutz auf dem Boden erblickt.
— Darja ist nicht unaufmerksam.
Sie hat alles vorausgesehen.
Sie wusste, dass ihr euch hineindrängen würdet.
— Wie kannst du nur?! — kreischte Margarita.
— Wir sind doch Familie!
— Familie bricht keine Türen mit einem Brecheisen auf, — sagte Olga scharf.
— Darja wird die Anzeige nicht zurückziehen.
Aber ich habe darum gebeten, die Sache nicht weiterzuverfolgen, wenn ihr sofort die Schlüssel abgebt und euch diesem Haus nie wieder nähert.
Sinaida Pawlowna sackte in sich zusammen.
Ihr ganzer kämpferischer Eifer war verschwunden und hatte in ihrem Gesicht nur noch den Ausdruck tiefer Kränkung über die ganze Welt zurückgelassen.
— Schau einer an… — heiserte sie.
— Die eigene Mutter gegen die Polizei eingetauscht.
Na wartet, sie wird sich noch an meine Worte erinnern.
Zwei Tage später rief Darja Olga aus Jamal an.
Ihre Stimme klang dumpf und riss wegen der Störungen immer wieder ab.
— Verkauf sie, Olja.
Verkauf die Wohnung.
— Dascha, was sagst du da?
Du hast doch dort jeden Schalter selbst ausgesucht…
— Ich kann dort nicht leben.
Jetzt wird für mich dort immer der süßliche Geruch von Margaritas fremden Parfüms und Mamas Verrat stehen.
Verkauf sie.
Das Geld aufs Konto.
Ich kaufe ein Haus in Kaliningrad.
Oder in Sotschi.
Weit weg von ihnen allen.
Damit sie nicht einmal die Adresse kennen.
Darja trat aus dem Container hinaus.
Um sie herum breitete sich über Hunderte von Kilometern die weiße, stumme Tundra aus.
Der Wind verbrannte ihr das Gesicht und zwang sie, die Augen zusammenzukneifen.
Sie erinnerte sich daran, wie sie in ihrer Kindheit ihre Stiefel mit Sekundenkleber zusammenklebte und davon träumte, dass ihr eines Tages warm sein würde.
Jetzt war ihr warm.
Zum ersten Mal in ihrem Leben.
Denn endlich hatte sie in dieser Geschichte einen dicken Schlusspunkt gesetzt und die Last der Vergangenheit von ihren Schultern geworfen, die sie jahrelang auf eben jenes quietschende Klappbett im Wohnzimmer der Mutter zurückgezogen hatte.